LEIPZIG, 04.03.2000
C. W. Gluck: Orfeo ed Euridice 

Eins, zwei, drei, ganz viele elysische Seelen-Segel

Christoph Willibald Gluck hat seiner Wiener Reformoper "Orfeo ed Euridice" das "prima le parole!" (zuerst der Text) so tief in die Partitur eingraviert, dass man bisweilen den Eindruck gewinnt, die Musik schäme sich ihrer selbst. Kein schlechtes Stück also für den ersten Opernversuch von Schauspielregisseurin Andrea Breth. Am Samstag war in der Leipziger Oper Premiere, und alles kam anders. Denn "Orfeo" ist an der Pleiße ein musikalischer Festtag - keineswegs ein theatralischer.

Das verdankt die Oper vor allem dem Dirigenten Ivor Bolton, der moderne Instrumente so spielen lässt, dass man die alten nicht vermisst. So feinnervig, drahtig, aufgeladen, schlank klang das Gewandhausorchester noch kaum; so intelligent hat selten jemand am Augustusplatz durch Phrasierungen Gefühle transportiert, angesichts des Affektes auch Garstigkeit nicht gescheut.

Es geht also: Das Gewandhausorchester funktioniert bei Musik des 18. Jahrhunderts, es kommt ohne Vibrato aus, beherrscht die Farbpalette alter Musik, beseelt die aufklärerisch abgefederten Affekte Glucks, lehnt sich geschmeidig an die Sängergestaltung von Bögen, Phrasen, Perioden an, leuchtet in verinnerlichter Tiefe. Auch bei vergleichsweise asketischer Musik. Dafür hat Bolton außergewöhnlich lang probiert. Auch er blieb von Leipziger Besetzungs-Querelen nicht verschont, weshalb er zwischendurch abreisen wollte. Aber zur Premiere ist das vergessen. Das Orchester strahlt mit einer Musik, die nicht die seine ist, es aber werden sollte - und könnte.

Wohlklang im (weit hoch gefahrenen) Graben, Wohlklang auf der Bühne: Die Sängerbesetzung ist vom Feinsten. Altus Michael Chance singt einen geschmeidigen, glänzenden, eindringlichen Orfeo, Cynthia Haymon mit ihrem warmen, voluminösen, beweglichen Sopran eine selbstbewusste Euridice. Ludwig Mittelhammer von den Tölzer Sängerknaben quirlt schlank und mit bemerkenswerter gestalterischer Kompetenz durch die Amor-Partie.

Einen solchen Knabensopran hört man nicht alle Tage - was die Frage beantwortet, warum die Leipziger Oper keinen Thomaner geholt hat. Bliebe noch der von Anton Tremmel vorzüglich vorbereitete Chor zu bejubeln, bevor sich die nicht ganz einfache Frage stellt, was Andrea Breth mit diesem Stoff vom mythologischen Urgrund der Oper anfängt.

Sie hat die Geschichte vom Sänger, der seine betrauerte Geliebte durch die Kraft des Gesangs aus der Unterwelt holt, auf dem Heimweg abermals verliert, bis sie vom Liebesgott höchstselbst (jedenfalls bei Glucks Librettist Ranieri de' Calzabigi) ein weiteres Mal zum Leben erweckt wird, zum Künstlerdrama stilisiert. Zu Beginn betrauert ein sehr heutiger, menschlicher, realer Orfeo den Verlust.

Dann greift die Kunst: Die kreative Trauerarbeit lässt ihn (und alle anderen) in antikischen Statuen-Posen erstarren, und statt des jubilierenden Happy Ends (O-Ton Breth: Triumph-Gesumse) macht sich der Sänger vom Acker, nachdem er seine Holde zum Ohrwurm "Che farò senza Euridice" mit Notenblättern beworfen hat: Seine Liebe ist zur Kunst geläutert - nun braucht er die Muse nicht mehr.
Für diesen intelligenten Sublimierungsprozess findet Breth, der die drei Sänger auch als Schauspieler bereitwillig folgen, bisweilen berückende Bilder. Aber ihre Sicht bleibt nicht frei von aktivistischer Beliebigkeit: Der Chor läuft einmal zu oft durchs aufwendig schlichte Bühnen-Bild Susanne Raschigs (auf goldenem Schnitt ein Aufzugsschacht, in dem es nach oben in die Unterwelt geht, ansonsten: allüberall Stufen aus dem Niemandsland zwischen klassischem Tempel und Showtreppe). Während Orpheus auf einem Plexiglas-Segel hängend den Styx überquert, kreuzen am Horizont eins, zwei, drei, ganz viele elysische Seelen-Segel hart am Wind. Mal wirft Breth hinten links einen Blick in Orfeos Kindheitsträume, mal drapiert sie den Chor der Unterweltler zur Kreuzung aus Grubenarbeiter-Demo und Laokoon-Gruppe. Es gibt viel zu sehen in diesem unspektakulären Bühnentraum von Kunst und Liebe. Aber länger als eineinhalb Stunden dürfte es nicht dauern. Insofern ist es gut, dass Breth sich gegen die Ballette entschieden hat - auch wenn ein wenig zackiges Allegro der Veranstaltung gut getan hätte. Jubel über Jubel - tumultuarisch für Chance.

Peter Korfmacher

http://www.leipzig-life.de/vorhang/kritik/20450.html