MAULBRONN, 28-29.09.2002
G. F. Haendel: Saul

Pforzheimer Zeitung, 30.09.02

Scheinbar schwerelose Leichtigkeit
Abschlusskonzert in der Maulbronner Klosterkirche mit Händels Oratorium "Saul" unter Jürgen Budday
Nach einjähriger Pause stand das Abschlusskonzert der Klosterkonzerte Maulbronn in diesem Jahr wieder im Zeichen eines großen Oratoriums von Georg Friedrich Händel. Im bereits siebten Teil dieses auf mehrere Jahre angelegten Zyklus begann Jürgen Budday, der künstlerische Leiter der Klosterkonzerte, nun mit einer Folge von Werken, in deren Zentrum alttestamentarische Könige stehen. Die Aufführung des „Saul" in der voll besetzten Klosterkirche wurde dabei in zwei Konzerten ebenso für eine CD-Aufnahme mitgeschnitten wie zuvor „Jephtha", „Samson" und „Judas Maccabäus" und wird in Kürze in der „Edition Kloster Maulbronn" erscheinen. Jürgen Buddays Einstudierung des dramatisch akzentuierten Werks um den an seinem Neid auf den junger David untergehenden König Sau setzte interpretatorisch die eindrucksvolle Linie der Maulbronner Händel-Konzerte fort. Der Maulbronner Kammerchor bewährte sich erneut als transparent im Klang und klar in der Diktion agierendes Ensemble, das mit Sicherheit und Homogenität seinen Part bewältigte. Insbesondere in den Klagechören des dritten Aktes gelang Budday mit den von ihm geführter Sängerinnen und Sängern eine hoch expressive und weit ausschwingende Darstellung. Aber auch in den anderen Chorteilen überzeugte die schlichte Natürlichkeit des Vortrags. Zum ersten Mal übernahm die Hannoversche Hofkapelle in Maulbronn den Orchesterpart: ein eminent virtuos und ausgeglichen musizierender Klangkörper, der - das war deutlich zu hören - erste Musiker der europäischen „Alte-Musik-Szene" vereint Beste Voraussetzungen waren also gegeben für eine durch ihre schlüssige Formdisposition und ihr überlegtes Maß einnehmende Wiedergabe, die ohne Exzentrik Händels Musik mit Detailtreue und flüssigem Gestus zu ihren Recht kommen ließ. Insbesondere die zarten, lyrischen Momente machten in diesem Maulbronner „Saul" große Wirkung. Hier gelangen Budday sehr intensiv nachgezeichnete Spannungsbögen und ausdrucksvoll gestaltete Nuancen. Hier schlug aber immer wieder auch die große Stunde der Solisten.

Es war auch in diesem Jahr wieder gelungen, regelrechte „Stars" im Barockgesang in die historische Klosteranlage zu holen. Nancy Argenta als Michal, Michael Chance als David und Stephen Varcoe als Saul: allein diese drei bei unzähligen großen Händel- Konzerten und -Aufnahmen bewährten Protagonisten standen für eine wahrlich festspielreife Besetzung ein. Stephen Varcoe sang dabei einen hoch kultivierten König Saul und ließ die rasenden Affekte des neiderfüllten Königs ganz aus Händels Tönen und eben nicht aus quasi theatralischer Attitüde zur Geltung kommen. Michael Chance faszinierte einmal mehr als Barockstilist von Gnaden, der in den Gesängen des Davids mit einem betörend manierierten Vortrag die Hörer verzückte. Nancy Argenta gab der Partie der Michal durch die ausgefeilte Art und scheinbare schwerelose Leichtigkeit ihres Singens eine überaus anmutige Gestalt, während Laurie Reviol als Merab durch die rhythmische Impulsivität und schillernde Beweglichkeit ihres Gesangs Akzente setzte.
Der in Maulbronn schon mehr aufgetretene Tenor Mark LeBrocq machte auch als Jonathan durch die geglückte Verbindung von stimmlichem Wohllaut und Beredsamkeit im Ausdruck auf sich aufmerksam. Michael Berner in den kleinen Tenor-Partien und Steffen Balbach in denen für Bass schließlich trugen sehr versiert ihren Teil zum Gelingen einer einmal mehr in sich stimmigen Maulbronner Händel-Aufführung bei.

Wolfram Frey