MAULBRONN, 27-28.09.2003

G. F. Haendel: Solomon

Pforzheimer Zeitung, 29.09.03

Stilgerechte und beredte Aufführung
Georg Friedrich Händels Oratorium "Solomon" wurde zum Abschluss der Maulbronner Klosterkonzerte aufgeführt

Der "Einzug der Königin von Saba" gehört zu den bekanntesten und meist gespieltesten Stücken von Georg Friedrich Händel. Das Oratorium "Solomon", in dem dieses flotte Instrumentalwerk den dritten Akt einleitet, wird dagegen selten aufgeführt. Sehr zu Unrecht, denn dieses Spätwerk, das zwei Chöre und ein groß besetztes Orchester verlangt, gehört zu des Meisters grandiosesten Werken. Es erzählt keine durchgängige Geschichte, sondern besteht aus einer Folge mehr oder weniger selbstständiger Tableaus. Doch die haben es in sich: Das Werk vereinigt tief gehende musikalische Reflexionen über die Weisheit, eine idyllische und zugleich sehr eindeutige Liebesszene, eine spannende "Gerichtsshow", einen repräsentativen Staatsbesuch, ein prachtvolles Chorfest, das die Macht der Musik beschwört, und erhabenes Gotteslob, wobei Händel die von ihm sonst selten genutzte Form der Choralbearbeitung aufgreift. Kurzum: Händels Oratorium über den weisen biblischen König zeugt von des Komponisten eigener Reife und Weisheit. Der hat für dieses Werk in gleicher Weise einige seiner erhabensten wie seiner empfindungstiefsten Stücke geschrieben.

Händel-Zyklus
Im Rahmen des Händel-Zyklus der Maulbronner Klosterkonzerte kam das Werk nun zum Abschluss der diesjährigen Saison an zwei Abenden mit dem Maulbronner Kammerchor und der Hannoverschen Hofkapelle unter Leitung von Jürgen Budday zur Aufführung und wurde zugleich für eine CD-Aufnahme in der "Edition Kloster Maulbronn" mitgeschnitten. Auch in dieser Hinsicht herrscht in der "Solomon"-Rezeption durchaus Bedarf, denn außer der knapp 20 Jahre alten exemplarischen Gardiner-Aufnahme und einer neueren unter Paul McCreesh gibt es keine Einspielungen in historischer Aufführungspraxis.
Der folgt Budday ja in seinen Maulbronner Händel-Konzerten und stand dergestalt auch in diesem Jahr für eine absolut stilgerechte, zugleich rhetorisch beredte und rhythmisch impulsive Wiedergabe ein, die die unterschiedlichen Affekte stets sehr treffend und prägnant zur Wirkung brachte. Der Maulbronner Kammerchor überzeugte als wohllautendes und flexibel reagierendes Ensemble nicht zuletzt durch seine ausgefeilte Diktion und Transparenz in der Auffächerung des Satzes. Die Hannoversche Hofkapelle, die sich schon vor einem Jahr beim "Saul" als höchst versiertes Originalklangorchesters in der Maulbronner Klosterkirche vorstellte, musizierte auch heuer mit kammermusikalischer Differenzierung und entfaltete zugleich mit Brillanz die für dieses Werk an vielen Stellen geforderte Klangpracht. Exzellent und mit in Maulbronn bestens eingeführten Vokalstars der Barockszene waren die Solopartien besetzt: Michael Chance, der im Sommer am Münchner Nationaltheater großen Erfolg als Bertarido in Händels "Rodelinda" hatte, sang den Solomon in kunstvollster Manier mit feiner Tongebung, superber Linienführung und erlesenen Koloraturen. Nancy Argenta als Königin und erstes Weib bestach ebenso durch ihre ungebrochen filigrane, glasklare Stimmkultur. Laurie Reviol als Königin von Saba und zweites Weib stand mit der Leichtigkeit ihres hell leuchtenden und anmutig geführten Soprans ihren Kollegen in puncto vokaler Animation nicht nach. Auch der Tenor Julian Podger sorgte als Zadok für barocken Belcanto - und Steffen Balbach ergänzte als Levit kompetent das Solistenensemble. Die über dreistündige Aufführung bot das Werk mit nur wenigen Strichen und folgte auch in der Abfolge der Stücke mit dem originalen Schlusschor der Dramaturgie der Vorlage. Auch in dieser Hinsicht war es eine vorbildliche Aufführung dieser mit Ausnahme der eingangs erwähnten Sinfonia viel zu selten zu hörenden Musik.

Wolfram Frey